3. Dezember 2017

Eva Meder-Thünemann

Der Blick der Nachbarin

„Hallo, Frau Nachbarin“ ruft mir jemand zu. „Kenne ich diese Frau?“ frage ich mich „und warum nennt sie mich Nachbarin?“ Ich bin im Urlaub, mitten im Meer, weit weg von zu Hause…Es stellt sich heraus, dass die Frau neben unserer Ferienwohnung ein Zimmer in einer Pension gemietet hat. Täglich schaut sie unfreiwillig meinem Mann und mir von ihrem Fenster aus direkt auf den Frühstückstisch. Und was sie da sieht, hat sie neugierig gemacht: „Was sind das für Leute, die da so liebevoll den Tisch füreinander decken und es sich miteinander gemütlich machen?“ fragt sie sich. Sie wagt den Schritt und spricht mich an: „Hättet Ihr vielleicht Lust, später mit mir ein Glas Wein zu trinken?“ Später gesteht sie mir, dass sie, die diesen Urlaub bewusst alleine verbringt und das durchaus auch genießt, manchmal doch ein bisschen neidisch war, wenn sie unsere Zweisamkeit so beobachten konnte. Ich erzähle ihr schmunzelnd, dass mein Mann und ich uns gerade in den ersten Urlaubstagen immer wieder mal gestritten hatten, weil das mit dem Urlaubmachen ja auch immer erst mal eingeübt sein will. Am Ende unseres Aufenthaltes, an dem wir uns recht oft und gerne mit der „Nachbarin“ getroffen hatten, bedankt sie sich bei mir für meine Ehrlichkeit : Es war hilfreich für sie gewesen von unseren Anfangsschwierigkeiten in diesem Urlaub zu erfahren. Dadurch konnte sie  ihr eigenes „Für-Sich-Sein“ wieder so  sehen, wie sie es ursprünglich geplant hatte: Als persönliche Auszeit, in der sie mit sich selbst ins Reine kommen kann.

Ich wiederum kann ihr sagen, dass es mir geholfen hat, meinen Mann und mich mit ihrem Blick aus dem Fenster von oben zu sehen: Wie gut wir es miteinander trotz aller gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten haben, welche Glück das ist, in einer so langen Beziehung  miteinander gemütlich frühstücken zu können, wie toll es ist, sich den Tisch so reich decken zu können, überhaupt was für ein inspirierendes Paar wir sind.

Mitten im Sommer war das eine wichtige Erfahrung für uns und unsere freundliche Urlaubsnachbarin:

Das ist doch auch eine gute und sinnvolle Haltung in der Zeit, in der wir auf Weihnachten zugehen: Von der Wahrnehmung der Leere und Unzufriedenheit in die Wahrnehmung der Fülle und der Freude kommen!

Eva Meder-Thünemann
Cityseelsorgerin in Aschaffenburg
Bistum Würzburg