4. Dezember 2017

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Weihnachten im August

… danach war mir jedenfalls, eben mitten im Sommer. Was die anderen in der Situation so genau dachten, wollte ich eher nicht nachfragen. Ich war also bei einem schon etwas älteren Ehepaar zum Kaffee eingeladen. Man kennt sich inzwischen, so wissen wir auch, wie man sich zu nehmen hat. Sie erzählen mir von der Tauffeier, bei der sie kürzlich dabei waren. Genauer gesagt, war es nicht irgendeine Feier, an der sie da teilgenommen hatten. Ein neues Enkelkind war in der Großfamilie zu begrüßen und zu beglückwünschen – und dessen frischgebackene Eltern dazu!

Ja, davon erzählten sie mir. Da war natürlich dies und das berichtenswert: das Taufkleid, die Kirche, der Pfarrer, wer alles mitgekommen war und dass der Julian „keinen Mucks“ von sich gegeben hat, als das Wasser über sein Haupt lief. Überhaupt muss es ein schöner Gottesdienst gewesen sein: Die Schwiegertochter hat ein Faible für besondere Gestaltungen und konnte ihre Akzente, so gut es ging, offenbar auch einbringen. Ein kleines Familientrio hatte sich zusammengefunden, unterschiedliche Blockflöten, das wird bestimmt eine Bereicherung gewesen sein. Auch mit dem ein oder anderen Gebetstext, den sie vortragen durften, haben sie ihrer Feier – es war nur dieses eine Taufkind – nochmals eine eigene Note gegeben. Nachdem die Großeltern dann noch ein paar Details vom anschließenden Zusammensein im Gasthaus zum Besten gegeben hatten, sagten sie schließlich lapidar: „So war das jetzt mit unserer Feier der Menschwerdung.“

Wie gesagt, ich habe nicht nachgefragt, aber ihre Worte haben mich noch eine ganze Weile beschäftigt. Ich gestehe, es hat mich schon ein bisschen gerissen: „Menschwerdung“? Natürlich, die beiden sind kirchlich gut unterwegs. Wahrscheinlich haben sie selber in diesem Moment auch gar nicht an Weihnachten gedacht, haben sich von dort nur den Begriff geliehen. (Und sie reden ja auch sonst immer gern ein wenig so …) Aber für mich war das eben „Weihnachten“: mitsamt den Bildern, die schlagartig in mir aufkamen, und eben dem so bekannten theologischen Wort. „Menschwerdung“, das ist die deutsche Übersetzung von „Inkarnation“, oder wie es in einem Lied heißt: „Gott wird Mensch, des freut euch sehr!“

Ich habe mir dann irgendwann, als ich etwas Ruhe hatte, die Frage gestellt, ob es richtig sein kann, das große Geschehen „Gott wird Mensch“ so ganz auf die alltägliche Ebene, dass irgendwo ein durch und durch normales menschliches Leben beginnt, herunterzubiegen. Nun, wenn man so fragt, mag man Vorbehalte anmelden. Aber man kann es ja auch andersherum sehen. Und dann wird es heißen, dass etwas vom göttlichen Geheimnis, vom menschgewordenen Gottessohn auf jedes x-beliebige Menschenkind ausstrahlt. Etwa nach dem Motto: „Jedes Menschenleben, das irgendwo zur Welt kommt, fällt doch buchstäblich vom Himmel: Denn Gott selbst hat es gewollt und zum Leben gerufen!“

Prof. Dr. Elmar Koziel
Rektor der Bildungshäuser Vierzehnheiligen
Erzbistum Bamberg