1. Dezember 2018

01a_silber

Ein Brief

Als der Brief kam, hatten wir die Hoffnung schon aufgegeben. Fast ein halbes Jahr war ja immerhin vergangen. Damals waren wir im Urlaub mit den Rädern unterwegs, ein Tag wie aus dem Bilderbuch.  Doch mit einem Mal landeten wir mitten in der Katastrophe: ein Planschbecken, ein lebloses Kleinkind, eine verzweifelte Familie. Notruf und Erste Hilfe, beruhigen und Mut machen, gemeinsam warten, bis der Notarzt kommt – das schien alles ganz selbstverständlich, und für eine kurze Zeit waren sich alle, die sich um das Kind sorgten und kümmerten, ungeheuer nah.

Mit dem Blaulicht und den Sanitätern gerieten wir, die nur zufällig zu dieser Zeit an diesem Ort waren, wieder an den Rand des Geschehens. Die Wege trennten sich, wenn auch unsere Gedanken und guten Wünsche oft zu der Familie und dem kleinen Jungen gingen: Ob er es wohl geschafft hatte? Wie es ihm und der Familie wohl gehen mochte? Auf Nachfragen am Urlaubsort erhielten wir keine Antwort. Eigentlich kein gutes Zeichen.

Aber dann kam der Brief: Ja, der Bub hatte es geschafft und war wieder daheim! Auf den beigelegten Fotos konnten wir ein fröhliches, lebenslustiges Kind sehen. Und aus jeder Zeile des Briefes sprach Dankbarkeit, die ihr Echo in unseren Herzen fand: Wie schön, dass er lebt! So ein Wunder.

Ich glaube, es war ein Adventsmoment, als wir den Brief öffneten. Denn es war ein Augenblick, in dem die graue, lastende Ungewissheit aufgehoben wurde von einer guten Nachricht. Nicht alles Dunkle und Schwere ist damit aus der Welt, aber in diesem Moment stehen Hoffnung und Freude und Dankbarkeit im Vordergrund. Auch das darf ja mal sein! Wenn ich das Foto des lachenden Kindes sehe, dann stelle ich mir vor, dass einer unserer traditionellen weihnachtlichen Bibelverse darunter stehen könnte: „Denn es ist uns ein Kind gegeben, ein Sohn ist uns geschenkt, und man wird ihn rufen: >Wunderbar<“ (nach Jes 9,5). Ich denke, der Prophet Jesaja würde sich mit uns freuen!

Dr. Ursula Silber
Rektorin des Martinushauses in Aschaffenburg
Bistum Würzburg