10. Dezember 2018

10_thomas_hoehn

Raymond

Einige Jahre hindurch bekam ich die erste Weihnachtspost bereits Anfang Oktober. Ein kurzer Weihnachtsgruß in englischer Sprache, geschrieben in ungelenken Großbuchstaben. Auf dem Kuvert meist eine dänische Briefmarke.

Diese Post kam von Raymond. Raymond war ein europaweit umherziehender Obdachloser, Bäcker aus London, Analphabet, ein vom Leben Gezeichneter. Immer, wenn ihn sein Weg nach Bamberg führte, hatte er sich bei mir gemeldet; auf eine Tasse Kaffee, auf ein Gespräch, auf einen Anruf beim Arzt, auf ein bisschen Geld für ein Bahnticket und auf einen Segen für die Weiterreise.

Seit einigen Jahren kommt keine Karte mehr. Raymonds Spur hat sich verloren. Wohl der Krebs.

Ein letztes Mal sah ich ihn an einer vielbefahrenen Bundesstraße gehen. Vermutlich auf dem Weg zu mir. Ich konnte nicht anhalten … wollte nach Hause …

Advent

auf post warten
obwohl
nichts kommen wird

anhalten
obwohl
es gerade nicht passt

an-denken
obwohl
es bequemer wäre zu vergessen

Thomas Höhn
Referent für Gemeindekatechese im Erzb. Ordinariat Bamberg
Erzbistum Bamberg