16. Dezember 2018

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Entschleunigte Vorfreude

Im November war ich für drei Tage zu Schweigeexerzitien in Balderschwang. Zweimal am Tag unternahm ich einen zwanzigminütigen Spaziergang, um von der Unterkunft zur Kirche in der Ortsmitte zu gelangen. Schneller war es mir nicht möglich, da ich mir am Wochenende zuvor den Fuß beim Schlittschuhlaufen verstaucht hatte. Der Vorteil: Entschleunigung war angesagt  – ob ich wollte oder nicht.

Die Tage verliefen sehr entspannt. Ich fühlte mich einfach wohl und war aus irgendeinem Grund unglaublich glücklich. Als ich eines Abends schweigend mit meinen Mitstreitern gemeinsam zur Dorfkirche „spazierte“ (man hatte sich meinem Lauftempo angepasst), sah ich die Dinge wortwörtlich in einem neuen Licht.

Es war stockdunkel und kalt. Ich hatte gefühlte Ewigkeiten mit niemandem mehr reden dürfen. Meine Finger froren, da ich ein Gesangsbuch trug und meine Hände nicht in meine Jackentaschen stecken konnte. Dennoch war ich gespannt und froh. Es war einfach schön, in völliger Ruhe miteinander zu laufen. In der Ferne hörte man die Kirchenglocken und die Straßenbeleuchtung hatte fast schon etwas Weihnachtliches – Weihnachten war das Stichwort!

Da wusste ich, warum ich so glücklich und froh war. Ich fühlte mich, als ob wir zur Christmette gingen. Die recht kitschige Bergdorf-Landschaft hatte da einen großen Anteil. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass diese Ruhe, die Vorfreude auf den Gottesdienst, sich am richtigen Ort zu wissen, wo im Moment nichts anderes wichtig ist, in mir dieses Gefühl aufsteigen ließ.

Das wünsche ich mir und Ihnen auch für die Adventszeit: Eine Vorfreude auf das, was da kommt; Ruhe und Frieden, ein gespanntes Warten. Denn das, was kommt, ist einfach unglaublich. Vielleicht sollte ich in der Adventszeit öfter Schlittschuhlaufen gehen.

Vor kurzem war ich übrigens wieder auf dem Eis. Diesmal ist alles gut gegangen. Jetzt muss ich mir wohl eine andere Entschleunigungsstrategie überlegen.

Anna Protzek
Teilnehmerin des christlichen Orientierungsjahrs „Basical“
Bistum Augsburg

Die Autorin ist Teilnehmerin des christlichen Orientierungsjahrs „Basical“ – initiiert vom Bischöflichen Jugendamt der Diözese Augsburg. Dort erfahren junge Menschen an der Schwelle zum Berufsleben christliche Lebensgestaltung und Spiritualität und werden bei den ersten beruflichen und existentiellen Entscheidungen begleitet.