18. Dezember 2018

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Halbgroß

Mein knapp dreijähriger Sohn hat seit kurzem eine interessante Definition bezüglich seiner Größe bzw. seines Alters. Er sei halbgroß, informiert er sein Gegenüber und schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn der liebevolle Appell, er könne doch schön langsam auf die Windel verzichten, weil er schon ein großer Bub ist, verpufft recht schnell, wenn der junge Mann entgegnet, er sei noch nicht groß, sondern halbgroß. Und auch der Hinweis, dass bestimmte Fernsehsendungen noch nichts für ihn sind, da er noch zu klein ist, ist in seinen Augen schnell entkräftet, da er nicht klein, sondern halbgroß ist.

Im Evangelium geht es auch um klein oder groß, um weise und klug oder unmündig. Gerade sind die Jünger von ihrer erfolgreichen Mission zurückgekehrt und berichten begeistert, dass ihnen im Namen Jesu sogar die Dämonen Untertan waren. Da beginnt Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, zu seinem Vater zu beten: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.

Das hat mich besonders angesprochen:

Nun, ja, ich muss zugeben, dass ich anstelle der Jünger wahrscheinlich ein wenig stutzig geworden wäre. Denn durch sein Beten macht Jesus deutlich, dass er seine Jünger weniger als weise und klug einschätzt, denn als unmündig, und als unmündig abgestempelt zu werden: das dürfte wohl den wenigsten gefallen. Wie so oft überrascht Jesus seine Freunde, damals wie heute. Denn damals wie heute genießen diejenigen unser Ansehen, die es zu etwas gebracht haben: die großen Denker, die Spitzenabsolventen an Gymnasien und Universitäten, die Überflieger in den unternehmerischen Spitzenpositionen. Den Unmündigen dagegen schenken wir wenig Beachtung, sie sind diejenigen, die man nicht ernstnehmen kann, auf die man besser nicht hört. Die Kleinen eben. Doch, so Jesus, genau diesen Kleinen erschließt sich der Glaube, die Unmündigen sehen und hören, was vielen Propheten und Königen verwehrt blieb. Sie können durch Gottes Offenbarung in Jesus Christus den Messias, den Sohn Gottes, den Heiland erkennen.

Das sagt mir das Evangelium von heute für mein Leben:

Zu welcher Gruppe gehöre ich? Zu den Unmündigen? Oder doch zu den Weisen und Klugen? Mein Sohn würde sich wohl wieder für die goldene Mitte entscheiden. Halbgroß, nicht ganz unmündig, aber auch nicht ganz weise und klug. Doch das erscheint mir zu einfach, und ich will lieber der Frage nachgehen, was es wohl bedeuten mag, unmündig zu sein.

Wenn ich an unmündige Menschen denke, dann fallen mir in erster Linie tatsächlich die Kleinen ein, kleine Kinder, deren Lebensgestaltung in erster Linie noch durch die Eltern gesteuert wird. Und dennoch haben Kinder trotz ihrer Unmündigkeit Fähigkeiten, von denen wir lernen können. Sie sind begeisterungsfähig, haben einen unerschütterlichen Glauben in Dinge, die ihnen lieb und teuer sind und haben ein unendliches Vertrauen in ihre Eltern. Vielleicht brauchen wir genau diese Eigenschaften, um auch als aufgeklärte, gebildete und kluge Menschen Jesus Christus wirklich zu erkennen. Wenn ich es schaffe, mich im Innersten von den biblischen Erzählungen begeistern und berühren zu lassen, und wenn ich aus tiefstem Herzen darauf vertraue, dass Gott mein Leben zum Guten führt, dann werde ich vielleicht auch eines Tages sehen und hören, was vielen Propheten und Königen verwehrt geblieben ist.

Rosemarie Bär-Betz
Gemeindereferentin in der Landshuter Pfarrei St. Margaret 
Bistum München und Freising