4. Dezember 2018

Porträt Bernhard Löhlein, Stabsstelle Medien und Öffentlichkeitsarbeit; Redakteur

Der Prophet

Manchmal begegnet man gerade im Urlaub Menschen, die man so schnell nicht wieder vergisst. So wie die ältere Dame, die ich in den letzten Sommerferien rein zufällig im Hotel getroffen habe. Zum Mittagessen setzte ich mich an den gedeckten Tisch – ihr genau gegenüber. Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln – wo kommen Sie her, wie lange bleiben Sie, finden Sie das Wetter nicht auch furchtbar – konzentrierte sich die Dame auf das bevorstehende Essen. „Oh“, sagte sie. „Da ist ja auch der kleine Prophet.“

„Bitte, wer?“ Ich sah meine Tischnachbarin fragend an. „Der kleine Prophet – dieser kleine Löffel hier. Haben Sie noch nie davon gehört?“

Nein, das hatte ich nicht. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, den Nachspeiselöffel als Propheten zu bezeichnen. Komische Sache. „Wieso nennen Sie ihn Kleinen Propheten?“

„Schauen Sie“, die Dame war jetzt sichtlich bemüht, mich, den Ahnungslosen, in die Geheimnisse des Nachspeisen-Rituals einzuweihen. „Für gewöhnlich bekommt man in solchen Hotels eine Suppe und ein Hauptgericht. Ob es aber einen Nachtisch gibt, das ist ungewiss. Der kleine Löffel hier am Teller sagt: Keine Sorge, es wird einen Nachtisch geben, darauf können wir uns jetzt schon freuen.“

„Und was hat das mit einem Propheten zu tun?“ – „Na, da können Sie wohl selber drauf kommen“, meinte die alte Dame.

Ich wurde ein wenig verlegen. Klar, was ein Prophet ist, weiß ich schon. Im Alten Testament ist viel von ihnen die Rede. Jesaja, zum Beispiel, war einer, vielleicht sogar der Bekannteste. Das war ein Mann, der dem Volk Israel kräftig die Meinung gesagt hatte, weil es sich von Gott entfernt hatte. Er hat den Menschen damals aber auch Mut gemacht und ihnen eine neue, eine bessere Zeit verheißen.

Ha, das war’s. Darum der Name für den kleinen Löffel. Auch der verweist auf eine gute Zeit.

„Na haben Sie‘s kapiert“, die alte Dame sah mich verschmitzt an. Ich nickte. Ein wenig seufzend schöpfte Sie die Suppe auf ihren Teller. „Schade nur, dass man uns Menschen das nicht ansieht – wir sind nämlich viel zu selten so kleine Propheten, die auch mal auf eine gute Zeit verweisen.“

Jetzt wissen Sie, warum ich diese Begegnung so schnell nicht vergessen werde.

Bernhard Löhlein
Redakteur in der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit des Bistums Eichstätt
Bistum Eichstätt