7. Dezember 2018

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Herbergssuche an Gleis 2

In der Kälte stehe ich am Bahnhof. Es ist Nacht. Ich könnte mir wirklich einen besseren Ort vorstellen. Eigentlich möchte ich viel lieber daheim sein. Aber ich habe es versprochen, ihn abzuholen.

Bis er ankommt, dauert es noch. Ich schaue mich um, außer mir ist es hier beinahe menschenleer. Ein Mann sitzt in sich versunken auf einer Bank. Ich hänge meinen Gedanken nach und finde es mit einem Mal doch ganz schön, hier zu sein. Wann habe ich sonst schon mal Zeit, so ganz für mich allein? Die besondere Atmosphäre an einem einsamen Bahnhof zu stehen, bringt mich irgendwie zur Ruhe.

Plötzlich reißt mich der Lautsprecher aus meinen Gedanken: „Auf Gleis 2 fährt ein…der Zug hält nicht…bitte zurückbleiben.“ Ratternd braust der Zug an mir vorbei und ich erkenne schemenhaft Menschen, die hinter den Fenstern sitzen. Ich weiß nicht, wo sie her kommen und wo sie hin wollen. Wie lange sie noch unterwegs sein werden und ob es ein trauriger oder ein froher Anlass ist, der sie unterwegs sein lässt – das alles weiß ich nicht. Ich denke mir nur, sie verbindet alle Eines: der Wunsch, anzukommen: bei ihrer Familie, bei Freunden, an ihrer Arbeitsstelle oder wo auch immer.

Ich sehe den Lichtern des Zuges hinterher, dessen Geräusche langsam verstummen. Ich denke mir: genau das ist es, was ich möchte: mein Lebensziel erreichen, ankommen, aufgenommen werden, bleiben und nicht mehr fort müssen. Ob Gott mir das in diesen Tagen vielleicht auch schenken will – ankommen bei mir, damit auch ich im Leben ankommen kann? „Marana tha – Unser Herr, komm!“ (1 Kor 16,22b)

Komm an, Herr,
in meinen Dunkelheiten
in meinen Sorgen
in meinen Befürchtungen und Ängsten.

 Komm an, Herr,
in meinem Alltag,
im Gewöhnlichen meiner Stunden.
im Üblichen meiner Gewohnheiten.

Komm an, Herr,
in den hoffnungsvollen Augenblicken,
in den frohen Stunden,
in jeder Zufriedenheit des Augenblicks.

Du kommst an, Herr,
selbst, wenn mir im Leben nichts erspart bleibt
auch wenn mir kein Gramm abgenommen wird auf meinem Weg
weiß ich – du bist bei mir.

Markus Schürrer
Pfarradministrator im Pfarreienverbund Breitengüßbach-Kemmern

Erzbistum Bamberg